John-Paul Herrmann

Facebook Mobile – Ist der Zug abgefahren?

von am 10. Mai 2012

Die Spezialiserung auf ihr Zeitalter hat Dinosaurier stark gemacht. Und es war ihr Untergang, als sich die Umwelt veränderte.
Die Web-Giganten, die sich heute vor Usern, Dollars und Daten nicht retten können, werden es morgen im besten Fall schwer haben – im schlechtesten Fall erleben sie das Morgen nicht. Warum? Weil die Unternehmen so groß sind, dass sie sich nur mit unglaublichem Aufwand an die sich immer schneller verändernde Umwelt anpassen können.

Nicht jeder schafft es in den nächsten Zug

Beispiele? Aus der Web 1.0-Ära haben es Aol (AOL) und Netscape nicht, Yahoo! (YHOO) nur mit blauen Flecken und Amazon (AMZN), eBay (EBAY) und Google (GOOG) nur mit einem gigantischen Kraftakt in die nächste Runde geschafft.

In der Web 2.0- oder Social-Gesellschaft kamen die Giganten Facebook (FB), Linkedin (LNKD) und Groupon (GRPN) dazu. Zusammen mit den Schülern aus der ersten Klasse, die bei der Versetzung Federn gelassen haben, versuchen diese es jetzt in die 3. Klasse. (Mehr dazu im Forbes-Artikel von Eric Jackson.) Und das wird richtig schwierig. Denn jetzt steht die Aufnahmeprüfung in Mobile auf dem Plan. Es steht zu befürchten, dass die Unternehmen, die nur mit Mühe in die Social-Runde aufgenommen wurden oder sich irgendwie durchgemogelt haben, diesmal auf der Strecke bleiben könnten. Warum? Weil die Geschäftsmodelle aus der alten Welt haupsächlich auf Online-Werbung im Desktop-Web ausgelegt waren. In einer Welt, in der wir kleinere Bildschirme und Apps verwenden und fokussiert an genau einer Sache arbeiten, klicken wir aber seltener auf Ads. Wenn wir sie überhaupt akzeptieren.

Die Dinosaurier müssen sich Modelle überlegen, die in die heutige Zeit passen und mit denen sie ihre Stellung behalten können. Oder sie sterben.

Facebook Mobile – Ist der Zug abgefahren?

Wie die anderen börsennotierten Dinosaurier will oder kann Facebook den derzeitigen Wandel nicht aus eigener Kraft stemmen. Hat Mark Zuckerberg die Zeichen der Zeit erkannt? Das ist zumindest wahrscheinlich, wenn man sich die Facebook Mobile Bemühungen der jüngeren Vergangenheit anschaut, in den erlauchten Verein der Unternehmen aufgenommen zu werden, die ihre Kunden immer und überall glücklich machen.

Facebook hat Gowalla friend.ly Instagram Tagtile und Glancee gekauft

Neben dem designverliebten Locationpionier Gowalla, der älteren Schwester Friend.ly, dem Fotoliebhaber und Shootingstar Instagram, dem Gutschein- und Dealmaker Tagtile und dem ortsbasierterten Friendfinder Glancee hat Facebook sich zwei App Developer samt Framework einverleibt - Snaptu und Strobe. Und die Liste wächst weiter …

Was macht Facebook aus dem gekauften Know How?

Es bleibt noch abzuwarten, was Facebook aus all den gekauften Apps, Frameworks, dem Knowhow und den Teams macht. Die ersten kleinen Früchte kann der User aber schon sehen. Vorausgesetzt er hat kein (!) Smartphone. Filter à la Instagram wurden nämlich in das Framework “Facebook for Everyphone” – eine Umgebung für die Geräte aus der Vor-iPhone-Ära – integriert. (Quelle: Mashable)

Zumindest ist Facebook mit mehr als 50% aller User aus der Mobile-Klasse auf einem scheinbar guten Weg. Und dabei gibt es Länder wie Japan, Südafrika oder Brunei mit einer unglaublichen Durchdringung von bis zu 80%. (Quelle: Socialbakers)

Laut eigenem Börsenprospekt machen aber genau diese Zahlen Facebook Angst – denn bisher kann der Konzern mit dem blauen Daumen nur Desktop-User erfolgreich monetarisieren. Für die wachsende Schar an App- und Mobile Web Usern gibt es noch keinen Weg, der mindestens so vielversprechende Einnahmen wie bei der Platzierung von Anzeigen in der Desktop-Version bietet. Das liest sich wie folgt:

“We do not currently directly generate any meaningful revenue from the use of Facebook mobile products, and our ability to do so successfully is unproven. We believe this increased usage of Facebook on mobile devices has contributed to the recent trend of our daily active users (DAUs) increasing more rapidly than the increase in the number of ads delivered. If users increasingly access Facebook mobile products as a substitute for access through personal computers, and if we are unable to successfully implement monetization strategies for our mobile users, or if we incur excessive expenses in this effort, our financial performance and ability to grow revenue would be negatively affected.” (Quelle: Scribd)

Facebook Mobile App CenterDass die Facebook Mobile Strategie noch nicht am Ende ist, soll der jüngste Schritt beweisen. Gerade rechtzeitig vor dem geplanten Börsengang eröffnet der Social Gigant eine neue Front, um die Anleger milde zu stimmen: Das App Center. Eine Art Facebook Mobile App Store. Damit kann jeder Developer Apps über Facebook vermarkten, wenn er nur das Facebook Mobile Login Framework als Anmeldemethode verwendet. Das wirkt für den einen, als würde sich Facebook geschlagen geben, weil die Verweildauer in den Facebook Mobile Apps weit hinter denen im Web zurückbleibt und man in Palo Alto jetzt Schulterschluss und Offenheit als letzten Ausweg sieht. Für die Anderen ist es ein cleverer Schachzug, die Welt der Mobile Apps einfach in die eigene Plattform zu integrieren und umso mehr Traffic, Statusupdates und Daten zu generieren. Und wer weiß, vielleicht tut sich ja die ein oder andere Erlösquelle auf …

Fazit: Das Ticket ist noch nicht gelöst.

Positiv: Es gibt genügend Facebook Mobile User die sehr aktiv sind. Und es werden immer mehr. Bis dahin: Glückwunsch!

Aber: Das bedeutet, dass all die teuren Eigeninitiativen und eingekauften Unternehmen – von denen keines eine eigene erfolgreiche Monetarisierungsstrategie implementiert hatte – bis heute keinen Weg eröffnet haben, das Facebook Mobile Network zu monetarisieren. Aber damit steht und fällt der Blaue Riese im neuen Zeitalter.

Frage: Wen sollte Facebook kaufen, um Mobile User zu monetarisieren und den Anschluss nicht zu verpassen?

 

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